Eine Beobachtungsnacht mit 1,12 m Öffnung
Peter Riepe und Daniel Restemeier


Einerseits bedeutet es für einen Astrofotografen immer wieder eine heftige Überwindung, bei klarem Himmel die Kamera ruhen zu lassen. Andererseits haben die Führungen in der zurückliegenden EXPO-Zeit aber auch gezeigt, dass die visuellen Beobachtungen mit dem neuen Teleskop der Sternwarte Melle neue Horizonte eröffnen. Dieser Bericht soll etwas von der Begeisterung spüren lassen, die wir als Amateure bei der Beobachtung mit dem Newton-Reflektor von 1,12 m Öffnung empfinden.
Am 15. Februar 2001 lagen nahezu ideale Bobachtungsbedingungen vor. Schon ab dem frühen Morgen war der Himmel dermaßen klar und tiefblau, dass uns gar nichts anderes übrigblieb, als einen abendlichen Beobachtungstermin zu verabreden. Bei traumhafter Transparenz zeigte sich nach Dämmerungsende eine schöne Milchstraße zwischen Cassiopeia und Fuhrmann. Das Wetter war tagsüber sehr mild, die Temperaturen von 12°C gingen am Abend sachte abwärts und es blieb bei Windstille recht lange angenehm. Gegen 1 Uhr setzte dann leichter Frost mit Reifbildung ein. Bei zunächst mäßigem Seeing beobachteten wir ausgiebig die Planeten Saturn und Jupiter. In Momenten ruhiger Luft trat die Encke-Teilung im Saturnring hervor, die Jupitermonde waren als kleine Scheibchen zu sehen. Deutlich liess sich Ganymed als größter Trabant klar von den anderen Galileischen Monden unterscheiden.
Und dann ging es endlich "in die kosmischen Tiefen" zum ersten Messierobjekt überhaupt - dem Crab-Nebel. M 1 bestach im Teleskop auf den ersten Blick alleine durch seine Helligkeit. Auf den zweiten Blick war auch hier mehr zu entdecken, als nur ein konturloser Nebel: Von Südwesten ragte eine dunkle Einbuchtung fast bis ins Zentrum des Nebels. Auch von Nordosten stach eine dunkle Einbuchtung knapp an einem im Nebel eingebetteten Stern vorbei in den SNR. Diese letztere Einbuchtung empfanden wir aber kontrastärmer als die erste. Mit dem Einsatz eines [OIII]-Filters änderte sich die Nebelgestalt deutlich. Die Dunkelzonen waren jetzt verschwunden und es traten zahlreiche Filamente deutlich hervor. Das hellste erstreckte sich diagonal durch den Nebel, wobei es kurz vor dem südlichen Nebelende leicht nach Westen abknickte und hier am hellsten erschien.
Das nächste Paradeobjekt war der Sternhaufen M 35. Im Sucherfernrohr, dem Starfire-Refraktor 150mm/1120mm von Bernd Schröter, war dieses Messier-Objekt mit seinen vielen hellen Sternen prächtig anzusehen. Das 40-mm-Okular von Baader liefert eine 28-fache Vergrößerung und lässt für die meisten Beobachtungsobjekte noch genügend Umfeld. NGC 2158, im Gesichtsfeld einen halben Grad südwestlich gelegen, erschien als nebeliges Fleckchen. Es gelang uns nicht, ihn in Einzelsterne aufzulösen. Im Spiegel dagegen war von M 35 lediglich ein kleiner Ausschnitt ohne Bezug zum Ganzen erfasst, daher wird den Besuchern auch nur der übersichtliche Anblick im Refraktor gezeigt. NGC 2158, kurz ins Bild gefahren, war jedoch prächtig in Dutzende von Einzelsternen aufgelöst.
Währenddessen stand der Orion schon verlockend im Süden, die Gürtelsterne zogen den Blick magisch auf den knapp darunter stehenden Orionnebel. Bernd Schröter hatte uns geraten, im Reflektor die bei Besucherbetrieb bewährte kleinste Vergrößerung zu wählen und dazu das 40-mm-Okular des Refraktors in den Auszug des Spiegels zu setzen. Zwar wird bei dieser 110-fachen Vergrößerung mit 10 mm Austrittspupille nur 50% des Lichtes ins Auge des Beobachters gelenkt, aber dafür bietet das größere Gesichtsfeld ein besonderes Beobachtungserlebnis! M 42 und seinen Zentralteil hatten wir bereits früher bei einer Beobachtung mit Harald Tomsik und Rainer Sparenberg in überwältigender Strukturierung gesehen - aber wegen der heute ausgezeichneten Transparenz wirkte das Gesehene noch brillianter. Die im Nordteil zwischen M 42 und M 43 gelegene markante Dunkelwolke wirkte nahezu plastisch. Sie hob sich kontrastreich ab, nicht nur gegen den südlich angrenzenden Orionnebel, sondern auch gegen die nördlichere Umgebung! In Längsrichtung zog sich ein zarter hellerer Nebelstreifen hindurch. Wie ein Ableger ragte ein Daumen mit innerer Strukturierung nach Süden in das leuchtende Zentrum des Orionnebels hinein. Bereits bei dieser nur 110-fachen Vergrößerung konnten wir erkennen, dass das Trapez aus sechs nadelscharfen Sternen besteht. Es steckte eindeutig in einer rundlichen Dunkelwolke jenseits der "Daumenspitze". Was sich an zarten Details wie ein Flechtwerk im hellen, grünlich leuchtenden Zentralteil vom M 42 zeigte, lässt sich in Worten kaum beschreiben. Gleichzeitig waren die wie Krebsarme ausgebreiteten Randnebel im Gesichtsfeld, ihre Einbuchtungen traten deutlich hervor. Auch M 43 und die große Dunkelwolke standen mit im Bild. Da das Seeing sich weiter verbessert hatte, war zur Detailbeobachtung eine höhere Vergrößerung wünschenswert.
Als Standardokulare werden am 1,12-m-Teleskop vier SMC Pentax-Okulare mit 28, 14, 7 und 5.2 mm Brennweite verwendet. Es handelt sich um Weitwinkelokulare, mechanisch und optisch nach unserer Erfahrung von sehr guter Qualität. Sie erlauben je nach atmosphärischer Beschaffenheit eine sinnvolle Stufung der Vergrößerung. Dabei werden die Leistungen des Reflektors immer bestens ausgeschöpft. Bei 4,40 m Primärbrennweite ergeben sich Vergrößerungen zwischen 157× (mit einer sagenhaften Austrittspupille von 7 mm!) bis 846×. Das vom Spiegel erzeugte farbreine Bild bleibt klar erhalten, ebenso wie die Sterne bis zum Gesichtsfeldrand recht punktscharf bleiben. Um dies zu beurteilen, wurden die Okulare am 150-mm-Apochromaten getestet, denn der Spiegel hat ja systembedingt seine Koma, die jedoch nur bei den kleinen Vergrößerungen auffällt. Auch im normalen Beobachtungsbetrieb haben sich die Pentax-Okulare am Refraktor bestens bewährt. So konnten mit dem 5.2-mm-Okular bei 215-facher Vergrößerung die Planeten Jupiter und Saturn immer noch sauber beobachtet werden, wenn das Seeing dem großen Spiegel bereits mit dem 7-mm-Okular Grenzen setzte.
Zurück zum Orion. Im 7-mm-Okular erschienen alle sechs Trapezsterne sehr deutlich getrennt. Die vier markantesten - A, B, C und D genannt - haben scheinbare Helligkeiten zwischen 5 und 8 mag, die schwächeren Komponenten E und F liegen bei 10 mag. Aber in der Trapezumgebung bemerkten wir noch zahlreiche weitere Einzelsterne, die durch den Nebeluntergrund hindurchzuleuchten schienen. Sie alle mit dem Trapez zeichnerisch zu erfassen - allein das hätte eine abendfüllende Aufgabe bedeutet. Hier genau tut sich ein Dilemma der visuellen Beobachtung auf, das man aber als Beobachter gern erduldet: Während ein Foto alles zugleich wiedergibt, muss das Auge beim visuellen Anblick viele unterschiedliche Arten von Details verarbeiten, sie in der Fülle erst einmal sortieren und separat wahrnehmen. Ohne groß zu überlegen beginnt man dann die auffälligsten Gebilde zu strukturieren, unwillkürlich die Helligkeiten und relativen Ausdehnungen abzuschätzen. Die Aufgabe, die im 1,12-m-Teleskop wahrgenommenen Orionnebel-Details aufs Papier zu bringen, war für uns nicht lösbar. Man hätte sich auf einen kleinen Ausschnitt beschränken und bewusst einen Großteil schönster Feinheiten weglassen müssen. Wir wechselten uns immer wieder ab beim Okulareinblick: "Hast Du das Nebelfilament auf 3 Uhr gesehen? Und erkennst Du auch die schwachen Einzelsterne am Ende jener Dunkelwolke?" Später wurde uns bewusst, dass wir gar keine Filter ausprobiert hatten.
Dann noch der Blick auf M 43, den Begleiter des Orionnebels. Häufig wegen seiner prominenten Umgebung "übersehen", fristet M 43 zu Unrecht ein Schattendasein. Sofort stach die Helligkeit und seine markante Kommaform ins Auge, welche von mehreren dunklen Gebieten durchsetzt war. Auf den ersten Blick fiel ein scharf begrenzter Dunkelfinger auf, welcher von Osten in den Nebel hineinstach und abrupt nördlich des Sterns mitten im Nebel endete. Knapp südöstlich davon erkannten wir einen weiteren kleinen, aber vom Rand isolierten Dunkelnebel, der jedoch deutlich weniger begrenzt war. Auch der Westteil des Nebels zeigte deutlich Struktur: Hier ragte von Süden eine Dunkelwolke in den Nebel, erst schmal, zum Zentrum des Nebels aber rasch breiter werdend.
Nun folgte ein Schwenk zu NGC 2024, dem ausgedehnten "Flammen-Nebel" am östlichen Gürtelstern des Orions. Wir wählten das 28-mm-Okular, um bei 157-facher Vergrößerung die Austrittspupille auf ideale 7 mm zu bringen. Es zeigten sich zwei hellere Nebelwolken, eine ziemlich kompakte schwächere im Westen, die zweite östlich davon, etwas heller und länglich nach Nordwesten wegstrebend. Beide Nebelteile sind am Südrand miteinander verbunden, durch ein nach innen recht scharf begrenztes und nach außen diffuses helleres Nebelchen, das bogenförmig nach Nordosten verläuft. Die dunkle Zwischenzone wirkte so, als tauchten ein paar dunkle Verästelungen in die helleren Nebelteile. Der Anblick war auch durch Filter nicht zu verbessern, weder [OIII] noch UHC brachten einen Kontrastgewinn.
Als die Zwillinge kulminierten, wurde der Eskimo-Nebel NGC 2392 ins Bild gefahren. Er zeigte sich als eine scharf begrenzte, türkis leuchtende und kreisrunde Fläche, die zur Mitte hin ein wenig dunkler wurde, dort aber insgesamt viel heller wirkte als erwartet. Wenn man so will, gibt es einen äußeren Ring, der aber nicht gleichförmig homogen erschien, sondern im Norden etwas heller wirkte. Im erwähnten leicht dunkleren Zentralgebiet zeichnete sich deutlich ein ganz heller Nebelring ab. Seine Form erschien uns beiden als herzförmig mit dunklem Innenbereich, dort sprang der leuchtend helle Zentralstern von etwa 10 mag ins Auge. Ein auffälliges Detail war eine feine Aufspaltung im südlichen Teil des zentralen Nebelringes.
Was visuell vom Eskimo-Nebel zu erkennen war, lässt sich mit den bekannten Profi-Aufnahmen nur unzureichend vergleichen. Überraschende Erkenntnis: Wir konnten weder das kapuzenumringte Gesicht des Eskimo-Nebels identifizieren noch die feinen radialen Strahlen im Kapuzenrand ausmachen. Die vom Auge registrierte Intensitätsverteilung im Nebelkörper ist erheblich weicher und fließender als das, was Fotografien mit harten Kontrasten wiedergeben. Außerdem nimmt das Auge in erster Linie die [OIII]- und H-Beta-Strahlung wahr, nicht aber die H-Alpha-Strähnen, die ein rotempfindlicher Schwarzweißfilm überbetont.

Um Mitternacht machte sich der eine von uns auf den Heimweg, weil am nächsten Tag die Arbeit anstand, der andere hatte bereits Wochenende und konnte noch weiter beobachten. Da sich der Krebs im Meridian befand, kam zur Abwechselung der alte Sternhaufen M 67 an die Reihe. Bei 157-facher Vergrößerung passte das Objekt noch gut ins Blickfeld des Reflektors. Schätzungsweise 70 bis 100 hellere Sterne waren in einer ca. 10' durchmessenden Zone zusammengedrängt, aber ohne eine erkennbare zentrale Verdichtung.
Der Löwe stand noch vor der Kulmination, aber immerhin schon hoch genug für einen Ausblick auf das Galaxientrio M 65, 66 und NGC 3628. Zuerst war der Refraktor mit seinem großen Bildfeld bei 28-facher Vergrößerung gefragt. Die beiden Messierobjekte sprangen ins Auge, die edge-on-Galaxie NGC 3628 lag quer darüber, jedoch mit deutlich geringerer Helligkeit. Da der Spiegel zwischen diese Galaxien zielte, konnte nun eine nach der anderen ins Bildfeld gefahren werden. Dazu wurde das bewährte 14-mm-Okular eingesetzt. M 65 erschien spindelförmig, mit einem sternförmigen Kern. An der Ostflanke zeichnete sich ein leicht dunkler Staubstreifen ab. Der Zentralbereich von M 66 erschien erheblich flächiger und länglich, mit unregelmäßigen Hell-Dunkel-Strukturen und den Spiralarmansätzen. Am interessantesten wirkte NGC 3628. Ihr diffuser und breiter Staubgürtel zog sich markant durch den Galaxienkörper, der sich an den beiden Enden nach außen verbreiterte.
Kurz nach 1 Uhr kulminierte der Kopf der Hydra. Da die Horizonttransparenz immer noch sehr gut war, wurde das Teleskop auf den Planetarischen Nebel NGC 3242 ("Jupiters Geist") positioniert. Nach Blick in "The Sky" lag das Objekt 15° über dem Tannenwald am Südhorizont. Dank "Autoslew", dem Steuerungsprogramm von Astro-Optik Keller, war der PN sofort im Blickfeld. Das gute Seeing ließ ihn selbst bei 628-facher Vergrößerung recht brilliant erscheinen, auch bei dieser Zenitdistanz. Das Erscheinungsbild war dem des Eskimo-Nebels sehr ähnlich, sowohl was die Objektgröße angeht als auch die Gesamthelligkeit. Die Form war aber nicht rund, sondern elliptisch. Insgesamt etwas diffuser als NGC 2392, schien die Nebelfläche ebenfalls deutlich begrenzt mit einem leicht dunkleren Südostrand. NGC 3242 hatte - wiederum ähnlich wie NGC 2392 - in der Mitte einen hellen Nebelring mit den Umrissen eines Auges. Sozusagen in der dunkleren Pupillenmitte saß der Zentralstern. Er wirkte klar schwächer als der Zentralstern des Eskimo-Nebels, aber immer noch recht hell.
Als dann gegen 2 Uhr die letzte Beobachtungsstunde vor Mondaufgang angebrochen war, wurde noch das bekannte kollidierende Galaxienpaar NGC 4038/39 anvisiert - die "Antennengalaxie". Die atmosphärische Durchsicht und das Seeing blieben in diesem Deklinationsbereich unerwartet gut, von daher war auch der Anblick dieses Beobachtungsobjektes eine Überraschung. Das Paar war sehr gut erkennbar, dabei recht hell. Die zwei Galaxienkerne waren klar auszumachen, der eine umgeben von einem hellen Kranz mit zwei knotigen Strukturen an der Ostseite und einer verbreiterten Aufhellung im Südwestbereich. Der zweite, nördlich gelegene Kern zeigte einen diffusen Auslauf nach Osten. Was auf der letzten Zeichnung festgehalten wurde, war mehr eine Spontanentscheidung und sollte lediglich zeigen, was mit diesem herrlichen Teleskop "visuell machbar" ist.

Wer die Sternwarte Melle besuchen möchte - um dort bei klarem Wetter einen Blick durchs Teleskop zu werfen - wende sich an: Bernd Schröter, Oststr. 17, 49324 Melle, Tel. 05422/3986. Auf unserer Homepage: http://www.sternwarte-melle.de finden Sie weitere Informationen.

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erschienen in:
Magellan 2001